Sonderausstellung
21. Oktober 2022 bis 15. Januar 2023
19. Januar bis 16. April 2023

Double Feature. Die Klasse Freie Kunst Glas der Hochschule Koblenz

Das Institut für Künstlerische Keramik und Glas der Hochschule Koblenz (IKKG) wird in zwei aufeinanderfolgenden Ausstellungen Werke von Studierenden und jungen Absolventen zeigen. Dabei wird ein breites Spektrum von zeitgenössischen Tendenzen in der Kunst mit dem Material Glas ausgebreitet und damit die Vielfältigkeit des Materials und die Spannbreite der Ausbildung am IKKG dokumentiert.

Das Europäische Museum für Modernes Glas stellt in loser Folge Kunstakademien aus Deutschland und Europa vor. Nach Präsentationen mit Werken der Abschlussklassen der Burg Giebichenstein in Halle, dem Institut für Künstlerische Keramik und Glas der Hochschule Koblenz sowie der Dänischen Designschule auf Bornholm ist nun erneut das IKKG aus Höhr-Grenzhausen zu Gast.

Die Arbeiten der Studierenden fügen sich wie selbstverständlich ein in das Europäische Museum für Modernes Glas. Entsprechend stolz zeigte sich Jens Gussek, Kunst-Professor am Institut für Künstlerische Keramik und Glas in Höhr-Grenzhausen, der mit vier Studierenden zum Ausstellungsaufbau nach Franken gekommen ist und nun das Ergebnis präsentieren darf. „Ein Kunstwerk ist dann fertig, wenn es sich im Raum bewährt. Wir können die Qualität einlösen, die eine Ausstellung in einem Museum erfordert“, so Jens Gussek.
Angeschlossen ist das Institut an die Hochschule Koblenz ─ in Deutschland einer der wenigen Orte, an denen derzeit eine akademische Ausbildung im Zusammenhang mit Glas und Keramik möglich ist. „Was beschäftigt die jungen Künstlerinnen und Künstler heute? Was passiert heute in den Akademien? Das wollten wir zeigen“, erklärt Jens Gussek die Ausstellungsidee. Und sehr Reifes, Internationales gilt es zu entdecken. Zum Beispiel die für ein Erstsemester-Werk ganz erstaunliche Arbeit: „Die Begegnung“ von Natalie Veken aus Italien. Zwei Glaskörper stehen sich gegenüber, deren Tentakel vorsichtigen Kontakt suchen. Ob dieses „Fühler-Ausstrecken“ erfolgreich sein wird, bleibt unklar, aber es wird eine spürbare Spannung erzeugt. In unmittelbarer Nachbarschaft stellt Liya Gabitova aus Russland eine Blume in den Mittelpunkt der Betrachtung. Keine symbolschweren Rosen oder Lilien, sondern: die Geranie. Der Allerwelts-Blumenschmuck vieler Wohnhäuser steht in ihrer Wandinstallation „Melancholie“ für Beiläufigkeit und Normalität. Für Liya Gabitova ist sie eine Brücke zwischen ihrem deutschen Studienort und ihrer russischen Heimat, denn auch dort schmücken die Menschen ihre Häuser mit Geranien.
Auch die Iranerin Sahar Baharymaghaddam setzt sich mit dem Gegensatz von Heimat und Fremde auseinander. Eine bereits zum Teil in der Ausstellung zum Coburger Glaspreis 2022 gezeigte Arbeit entfaltet sich nun auf mehreren Quadratmetern Grundfläche. Da sind gläserne Umrisslinien einer kleinen Wohnung, darin ein gläserner Gartenstuhl nach Schinkel, ein kaltweiches Kissen aus Glas, eine organische, gehirnartige Struktur aus Keramik. Findet hier das Unbehagen ein Zuhause? „Die Kraft der Balance“ betitelten Sija Wang und Yunfei Fan aus China ihre Videoperformance. Das Paar prüft das fragile Gleichgewicht innerhalb menschlicher Beziehungen, indem es eine große Milchglasplatte zwischen sich hin und herpendeln lässt. Der Durchblick und gleichzeitig der Anblick der Partner wechselt vom Deutlichen ins Unscharfe und wieder zurück, während die Materialität des Glases und sein harter Klang einerseits Kontrollierbarkeit, andererseits aber auch Gefahr assoziieren lässt. Raumgreifend ist die Bodeninstallation von Lena Trost, die nach ihrem Studium derzeit an der Bauhaus-Universität Weimar promoviert. Sie beschäftigt sich mit der Kraft des Imaginären, mit Körperlichkeiten und mit Gerüchen und bietet Workshops in Form von „Glas-Tastings“ an. Für die Ausstellung schuf sie das objektgewordene Konzept eines „Geruchslabors“ rund um das ─ an sich geruchs- und geschmacksneutrale ─ Material Glas. Ihr Werk greift einerseits die Idee einer Destillerie auf, in der Parfüm hergestellt wird und verweist andererseits auf Labore aus Chemie und Medizin.

Das Institut für Künstlerische Keramik und Glas der Hochschule Koblenz (IKKG) zeigt im zweiten Teil der Ausstellung „Double Feature – Die Klasse Freie Kunst Glas der Hochschule Koblenz“ neue Werke von Studierenden und jungen Absolventen. Darunter auch Objekte, deren Fertigstellung für die Ausstellung erst wenige Tage oder Wochen zurück liegt. „Für diesen Vertrauensvorschuss sind wir sehr dankbar“, betont Prof. Jens Gussek, Kunst-Professor am Institut für Künstlerische Keramik und Glas in Höhr-Grenzhausen, der mit Studierenden und Absolventinnen nun zum Wechsel der Ausstellungsobjekte angereist ist. Zehn junge Künstlerinnen und Künstler aus sechs Nationen präsentieren bis 16. April ihre höchst unterschiedlichen  Arbeiten. „Das Verbindende ist hier der Raum“, erläutert Dr. Sven Hauschke, Direktor der Kunstsammlungen der Veste Coburg und Kurator im Glasmuseum.
Alejandro Peña Chipatecua aus Kolumbien gelingt in seinem Glas-Objekt „Implantat“ die Verbindung von Glas und Porzellan ─ zwei Materialien, die sich in technischer Hinsicht eigentlich nicht vertragen. Raumgreifend ist die auszugsweise Arbeit „ Linie A B D“ von Christian Schultz aus Deutschland. Er überträgt zweidimensionale Zeichnungen in den Raum und lotet dabei das Potential verschiedenster Materialeigenschaften aus. Das Thema von Lina  Aazer aus Ägypten ist Selbstreflexion. Sie platziert Worte und Sätze auf gebogene Glaskörper, die auf eine persönliche Bedeutung für die Autorin hinweisen. Es ist eine fragile Arbeit, die eigentlich für die Anbringung an der Wand konstruiert war, in Rödental aber nun auf dem Boden zu finden ist. „Das ist das Spannende, wenn sich Objekte auch ganz anders als ursprünglich konzeptioniert im Raum bewähren“, so Prof. Jens Gussek. Sinn für Humor und künstlerische Unerschrockenheit beweist der Brite Oscar T Wilson, der nicht nur mit einer unkonventionellen Hinterglasmalerei auf  wiederverwerteten Thermoglasscheiben überrascht, sondern für eine weitere Arbeit aus Glas einen Sockel in Form eines handelsüblichen 40-kg Sackes Beton-Estrich gewählt hat.
Ganz ernsthaft hingegen haben sich Natalie Veken, Delia Stünitz und Sarah Hunnenmörder aus Deutschland mit aktuellen Diskussionen in Bezug auf den weiblichen Körper und Körperlichkeit auseinandergesetzt. Ihr Ansatz oszilliert dabei zwischen MeToo und Body Positivity. Die Künstlerinnen stellen den weiblichen Körper fotografisch explizit und symbolhaft in einen Naturzusammenhang: in den Wald. Dazu passt die die Sandguss-Arbeit „70 % Wasser“ von Sarah Hunnenmörder, die durch Abformung ihres eigenen Körpers ein rauhes Abbild erhält.
„Re-creation through Orbits“ betitelt Ibrahim Erdogan aus der Türkei eine raumgreifende Installation aus zahlreichen unterschiedlich großen schwarzen Glaskugeln, in deren Mitte eine Holzleiter durch das Glas des Oberlichts buchstäblich ins tatsächliche Universum führt. Um das Thema Schöpfung geht es vielleicht auch bei den skelettartigen Glasplastiken des Iren Jesse Günther. Diese platziert er in Boxen mit Scheiben aus dichroitischem Glas und einer Beleuchtung, was den zarten Glaskörpern ein besonderes Eigenleben aus Farbe und Plastizität verleiht.
Bereits mehrere Kunst-Preise gewann Helena Sekot aus Deutschland mit ihren Arbeiten „between earth and sky“. Sie nutzt Keramik, um Körper und  Grundstrukturen zu schaffen, die sie partiell mit einer „Haut“ aus plastisch verformtem dichroitischem Glas versieht. „Wir erforschen das Glas auf seine ästhetischen Qualitäten – ein Vorgang, der noch lange nicht abgeschlossen ist“, so Jens Gussek.

  • Am Mittwoch, 15. Februar, findet um 18 Uhr ein kostenfreier Online-Vortrag zur akademischen Glaskunst-Ausbildung von Prof. Jens Gussek und Dr. Sven Hauschke statt. (Anmeldung: sekretariat@kunstsammlungen-coburg.de)